Theorie der Architektur und Entwerfen

Identifikationsort Fränkische Schweiz

Thema: Identifikationsort Fränkische Schweiz

Verfasser: Jule Feige

Zeit: Wintersemester 2021/22

Betreuer: Prof. Carola Dietrich, Prof. Richard Woditsch

Thesis: Master

Eine universelle Architektur im internationalen Stil, nimmt im modernen Zeitalter zunehmend zu. Die Spezifika
eines Kontextes werden dabei missachtet und die Kultur unserer Siedlungen durch Replikationen, vereinheitlicht.
Daraus ergibt sich zudem das Problem, der fehlenden Identifikation der Bewohner mit ihrer Umgebung.
Um durch Neubauten eine Fortführung der regionalen Identität zu erreichen, ist es grundlegend,
die Kultur in einem architektonischen Kontext zu bewerten. Der aktuelle Architekturdiskurs über den Genius
Loci, stellt eine Möglichkeit dar, den Charakter eines Ortes in seiner Individualität zu beschreiben. Als Grundlage
dient das Werk von Christian Norberg-Schulz und die aktuellere Literatur von Tomáš Valena, die eine
Aufschlüsselung von Kategorien, die den Genius Loci definieren, skizzieren. Dabei wird allerdings der Faktor
der Zeit unzureichend behandelt und damit auf keine Veränderung regionaler Identitäten eingegangen, weshalb
dieser Zusammenhang im theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit näher analysiert wird.
Die Fränkische Schweiz, das Naherholungsgebiet nordöstlich gelegen von Nürnberg, stellt einen sensiblen
kulturellen Ort dar und bildet den Kontext dieser Arbeit. Fokussiert wird sich dabei vor allem auf die gegenwärtig
abwesende Buttenträgerkultur, welche sich durch den historischen Wassertransport in der Mittelgebirgsregion,
entwickelt hat. Durch die zeichnerische Anwendung des Schichtenprinzips auf den Ort Gößweinstein,
unter Berücksichtigung der zeitlichen Entwicklung, wird ein Veränderungsprozess des Genius Loci
bewiesen. Zudem kann die Buttenträgerkultur als Bindeglied zwischen artifiziellem und natürlichem Ort verstanden
werden und gilt daher als zu erhaltende Grundlage des spezifischen Charakters, welcher eine Identifikation
des Menschen ermöglicht. Es stellt sich daher die Frage:

Wie kann Architektur zum Erhalt von ruralem Kulturerbe beitragen und durch die Vergegenwärtigung des
Genius Loci zum Identifikationsraum werden?

Durch die Untersuchung der Bauwerke des Tempiettos und Acqua Felices, wird zum einen die Methode einer
zeitlichen Fixierung der Stabilitas Loci und das Übertragen dieser in den gegenwärtigen Kontext beschrieben.
Der Entwurf aus Wasserhaus und Buttenstube, welcher den historischen Buttenweg reaktiviert, bildet
eine Symbiose aus Abwesendem und Anwesendem. Die Neuinterpretation der Kultur und die Übersetzung in
eine entwurfliche Struktur, die sich an den vernakulären Architekturtypen dieser Region orientiert, stellen das
Mittel der Überwindung eines zeitlichen Verlustes dar, wodurch die geschichtliche Schicht des Genius Loci
fixiert werden kann. Zudem wird durch die multifunktionale Nutzung der Gebäude und das Reagieren auf
den zeitgenössischen Kontext eine Vergegenwärtigung der Kultur erzielt, welche zu einer Wiederholung der
sozialen Momente, die durch diese impliziert wird, führt. Somit kommt es zu einer Fortschreibung des ruralen
Kulturerbes im Ort Gößweinstein und es entsteht ein Identifikationsraum für die Besucher dieses Kontextes.
Im Tal wurde hierfür im praktischen Teil eine architektonische Fassung der Stempfermühlquelle entworfen. An
dieser Stelle haben zu Zeiten der Buttenträger, Versammlungen, Interaktionen und der Schöpfvorgang des Wassers
stattgefunden. Die Buttenstube bricht durch die Positionierung an der Uferkante, die Schwelle zwischen Land
und Wasser und stellt die Wasseraufnahme ins Zentrum des Grundrisses. Diese wird zusätzlich durch ein zentral
angeordnetes Oberlicht inszeniert, welches sich in den Holzskelettbau einfügt. Der Besucher begeht im Anschluss
den Buttenweg, um die Anstrengung der historischen Trinkwasserbeförderung nachzuempfinden. Endpunkt bildet
hierbei das in die Topographie eingefügte Wasserhaus mit einem Ausstellungsraum, der die Spezifika der
Buttenträgerkultur, das fließende Wasser und die Ursprünge der Geschichte durch die skulpturale Struktur des
Gebäudes zum Ausdruck bringt. Strukturiert sind die Entwürfe nach Vorbild des vernakulären Brunnenhauses,
wobei den vertikalen Abschluss das fränkische Walmdach, als Ursprungsform, bildet. Durch die Materialität aus
heimischem Lärchenholz und massivem Beton, wird zusätzlich die vertikale Gliederung der Gebäude betont. Die
Gemeindestube mit zentraler Wasserentnahme bildet die Schnittstelle mit dem Kontext der Siedlung und stellt
den öffentlichen Treffpunkt für die Bewohner des Ortes dar und schafft somit die neue urbane Dorfmitte
Gößweinsteins. Durch die multifunktionale Nutzung des Raumes, kann an die kulturellen und sozialen
Ursprünge der Siedlungen angeknüpft werden und somit die Tradition der Region fortgeschrieben werden.